Buch I


Mein Atem heißt jetzt.


Wohl bei keinem Menschen, der auf Erden und in ihrer Geschichte lebt, kommt die persönliche Innenwelt so stark zum Vorschein wie bei einem kreativen Künstler. Sein Denken, seine Sinneserfahrung, seine Einführung und sein lebendiges Interesse wird in anschauliche Bilder umgesetzt, wird zur Form, schlägt Brücken des Verstehens und der Gemeinschaft zum Mitmenschen. Seelische Prozesse und Imagination erfahren einen konkreten Ausdruck und bisweilen erringen sie sogar den hohen Rang einer zeitlosen Gültigkeit.

Der 50. Geburtstag ist für viele schöpferische Menschen um die Lebensmitte ein besonderer Tag der Rückschau und der Erinnerung. Titus Reinarz, der rheinische Bildhauer, hat aus diesem Anlaß allen Grund zur Dankbarkeit. In Bad Honnef wurde er 1948 geboren als Sohn eines ebenfalls bekannten und tüchtigen Bildhauers, dessen künstlerische Fähigkeit er wohl deutlich geerbt hat. Er erfuhr seine erste Ausbildung als Bildhauer und Steinmetz in Maria Laach unter Hans-Gerhard Biermann und dem Benediktinerpater Theodor Bogler, der selbst als Künstler aus dem Bauhaus erwachsen war und von daher befähigt, Maßstäbe zu setzen. Titus Reinarz studierte nach seiner Ausbildung in Maria Laach weiter an den Kölner Werkschulen für Kunst und Design in Bildhauerei und Bauplastik unter den Professoren K. Schwippert und H. K. Burgeff. Ab 1974 war er Meisterschüler bei Prof. Burgeff und zwischen 1981 und 1992 arbeitete er als Dozent an der Kölner Fachhochschule für Kunst und Design. 1986 wurde er Stipendiat der Villa Massimo, Rom, in der Casa Baldi in Olevano Romano, südlich von Rom.

Seit 1992 wagt es Titus Reinarz, sich in einer schwieriger gewordenen Zeit, als freischaffender Künstler in Sinzig-Löhndorf zu bewähren, unterstützt und liebevoll begleitet von seiner Frau Gisela.

Wenn man sich in der Rückschau über sein bisheriges Schaffen einen kurzen Überblick verschafft, so ist neben seinem dynamischen Fleiß seine künstlerische Vielfalt zu bewundern. Der Betrachter spürt seine kreative "Leidenschaft". Das äußert sich in den zahlreichen Bereichen seiner künstlerischen Tätigkeit. Zuerst wären seine bildhauerischen Leistungen als "Kunst am Bau" zu nennen, die Wasserspeier an Kirchen, Kreuzblumen, Kapitelle, Tierplastiken, Teufelsfiguren und Heiligengestalten umfaßt, wie auch die sensible Formung kirchlicher Innenräume, die dem gläubigen Volk Gottes in verstehbarer Sprache die Heilswege zu Gott öffnen sollen. Altar, Tabernakel, Ambonen, Sitzbänke der Priester und auch das Ewige Licht im Altarraum sind dabei vorrangige Objekte. Gerade die sakrale Thematik im Innen- bereich der Kirchen verlangt theologische Kenntnis und die Kraft, die christliche Botschaft des Glaubens umzusetzen in überzeugende Formen, die auch das Herz des Menschen erreichen.

Titus Reinarz tritt damit ein in den Bereich der "narrativen Theologie" und versteht es in beispielhafter Kompetenz, die passende Eleganz des Materials mit künstlerischen Ausdrucksformen zu verbinden.

Sein Aufenthalt in Italien und seine immer neuen Besuche, vor allem in der anregenden Landschaft der Toskana, kommen ihm bei der Wahl des Materials sehr entgegen. Nicht selten wird rheinisches Steinmaterial (Basalt, Tuff, Udelfanger Sandstein) in Verbindung mit Marmorgestein aus Carrara zu einer Einheit von erstaunlicher Schönheit.

Ein zweites Arbeitsgebiet hat seine deutliche Anregung aus den künstlerischen Fertigkeiten italienischer Kunsthandwerker. Seine großen und kleinen Plastiken für den öffentlichen und privaten Bereich sind vielfach in der Toskana gegossen, haben eine interessante, eigenständige, ja bisweilen sogar eigenwillige Form und Legierung und sind Ausdruck einer sinnenfrohen Lebenskultur. Es würde den Rahmen dieser Aussage sprengen, wollte man die unzähligen Themen aufzählen oder zu deuten versuchen.

Dennoch sei eine Sparte seines künstlerischen Vermögens hier noch kurz erwähnt: Seine Bleistiftzeichnungen mit Landschaften der Toskana. Sie offenbaren die Begabung, das Wesentliche zu schauen und technisch in den Vordergrund zu rücken, dabei alles Überflüssige in geschickter Abstrahierung weglassend. Alles dies ist gewachsen in den Jahren des stillen Übens und des individuellen Formens, bescheiden und geduldig über viele Jahre hin.

Ich darf in herzlicher Verbundenheit mit Titus Reinarz und seiner Frau Gisela ein Gedicht von Rose Ausländer zitieren, das in seine augenblickliche Lebenszeit eindrücklich paßt.

Die Dichterin sagt:

                In meinen Tiefträumen
                weint die Erde Blut
                Sterne
                lächeln in meine Augen
                Kommen Kinder zu mir
                mit vielfarbnen Fragen
                Geht zu Sokrates
                antworte ich
                Die Vergangenheit
                hat mich gedichtet
                ich habe
                die Zukunft geerbt
                Mein Atem heißt
                jetzt
            


Heißt das nicht: Auch in diesem Künstler und Menschen ist Erde und Himmel als Traum und Wirklichkeit, als Leid und Lust eingegangen? Auch auf ihn kommen Fragen zu. Nicht alle sind zu beantworten. Vieles ist in der Weisheit der Alten zu finden (Sokrates). Mit den Mitteln seines persönlichen Charismas fühlt er sich verpflichtet, Antwort zu geben, Rätsel zu lösen im Mysterium dieser Schöpfung, die er nachbildet und künstlerisch deutet. Auch er steht unter den formenden Mächten der Tradition (Vergangenheit). Auch er strebt wie alle Menschen nach Zukunft.

Mit seinen Möglichkeiten als Mensch und Künstler tröstet er, baut er auf, weist er Wege, die begehbar sind. Und er fühlt sich der Gegenwart, dem heißen, pulsierenden "Atem" des "Jetzt" verpflichtet. Möge er diesem "Atem" innig verbunden bleiben und seinem Weg im Dienst der Menschen auch in Zukunft Licht und Freude schenken.

Pater Drutmar Cremer OSB
Prior der Abtei Maria Laach Leiter der Kunstwerkstätten
und des Kunstverlages Maria Laach


Buch II
Steinerne Kunst im Zeichen des Schmetterlings.

Mit eigenem Atelier in Löhndorf freischaffend,kreiert Titus Reinarz freie Arbeiten allein aus seinem Gedanken-und Formenschatz heraus und übernimmt private, öffentliche und kirchliche Auftragsarbeiten. Bronze, Basaltlava, Tuff, Sandstein-zuweilen in Verbindung mit Carrara Marmor- dienen ihm als Werkstoff. Daraus entstehen Brunnen, wie der in Köln an der Nordseite von St. Kunibert in Basaltlava ausgeführte Clemensbrunnen oder der gestufte Europa-Brunnen aus Basaltlava und Trachyt, mit bronzenen Tier- und Pflanzenmotiven für den Sinziger Marktplatz, dessen krönende Europafigur man auch als Bronzedarstellung auf Basaltsäule in der Europäischen Akademie in Ahrweiler antrifft (Dauerleihgabe der KSK Ahrweiler). Wasserspeier an Kirchen sind zu nennen, Kreuzblumen, Kapitelle, Heiligen-,Tier-und Teufelsfiguren, sowie Altäre, Tabernakel und Ambonen für kirchliche Innenräume. Reinarz hat schon ganze Chorräume ausgestaltet, so für die Kirche St.Vitus in Grefrath-Oedt, St.Pankratius in Neu-Garzweiler oder Mariä Heimsuchung in Frauwüllesheim. Immer legt er Wert darauf, die Werke an die Maße und Proportionen des architektonischen Umfeldes anzupassen, "nur so können sie sich überzeugend einfügen." Und weil die beste Zeichnung die Räumlichkeit nicht ersetzen kann, liefert er bei Auftragsarbeiten ein "dreidimensionales Modellchen".

Vor ein paar Jahren betrat der Künstler Neuland als er, eher untypisch für einen Bildhauer, erstmals Kirchenfenster entwarf. "Als Quereinsteiger hat man den Vorteil, dass man nicht den ganzen Ballast der Zunft mitschleppt", erklärt Reinarz. Zuständig fühlt er sich allemal, denn "zeichnen muß der Bildhauer auch und ebenso mit Farbe umgehen können". Für die Fenster in der Kirche Herz Jesu in Heinsberg-Aphoven war ihm die international arbeitende Bonner Firma Glasmalerei Georg Linden ein guter Partner.

Wenn Titus Reinarz auch durch Werke und Ausstellungen überregional bekannt wurde, so macht er sich keinesfalls im heimischen Raum rar. Landrat Dr.Jürgen Pföhler nannte ihn zu Recht "eines unserer Aushängeschilder". Er stellte fest, dass er "mit seinen Werken den Kreis Ahrweiler ungemein bereichert und sich darüber hinaus international einen Namen gemacht hat."

Reinarz zeigt immer wieder Menschen, Tiere und Pflanzen. Er arbeitet figürlich aus tiefer Überzeugung. "Bildhauerei ist Bildsprache, Sprache ist Mitteilung, Sprache ist kulturelle Leistung, somit ist Bildsprache unabdinglich", sagt er. Das klingt nach kühler Logik, ein wenig auch nach Dogma. Ein andermal erklärt er sich zum gleichen Thema poetischer:" ein Bild geht über die Augen direkt in die Seele. Da kann ich Botschaften transportieren, die praktisch Jeden erreichen."
Reinarz ist als Person und Künstler von besonderer Gradlinigkeit. Er verbiegt sich nicht, um zu gefallen. Seine gegenständliche Arbeitsweise hat nichts mit plattem Naturalismus gemein:"Das Gegenständliche ist eine abstrakte neue Welt mit vielschichtigher Aussage. Die Vielfältigkeit resultiert aus der Sprache. Wenn man die Sprache lernt, kann man sie verstehen und das geistige Angebot für sich selber nutzen."

Pater Drutmar Cremer, Leiter der Kunstwerkstätten und des Kunstverlages Maria Laach attestiert Reinarz die "theologische Kenntnis und Kraft, die christliche Botschaft des Glaubens umzusetzen in überzeugende Formen". Er spricht von "narrativer Theologie". Generell kennzeichnet laut Dr.Erwin Minwegen "Symbolbereitschaft" die Reinarzschen Schöpfungen. Dies gilt auch für die zahlreichen Tierdarstellungen, in denen des Künstlers starke Affinität zur Natur manifestiert wird. Was da kreucht und fleucht auf dieser Erde hat er mit viel Liebe durch sinnlich modellierte Formen ins Bild gesetzt.
Der Fuchs auf einem großen Basaltlava-Briefkasten ist vom Gesicht mit vollen Wangen bis zur Spitze des buschigen Schwanzes, mit Vergnügen zu betrachten. Reinarz` Gehäuse tragende Schnecken sind bodenhafte Sympathieträger für Geduld und Langsamkeit, in einer der Beschleunigung huldigenden Zeit. Eine riesige Weinbergschnecke, gleichsam Mutter aller dieser Weichtiere, steht etwa an der Autobahnraststätte Cloerbruch am Kaarster Kreuz, wo ehemals ein großes Sumpfgebiet war. Eine Grille aus Weiberner Tuff ist sprungbereit. Nicht nur der spitzwinkligen Beine wegen erscheint das Tier wie die Natur gewordene Mechanik, aber auch wieder märchenhaft, denn Reinarz stellt die Gelenke als Blätter dar und lässt das Grillenhaupt wie das eines Mütterchens mit Haube erscheinen.

Ein stets wiederkehrendes Motiv, Reinarz verwendet es sogar im Briefkopf und für Visitenkarten, ist der durch seine Leichtigkeit bezaubernde Schmetterling. Als christliches Symbol steht er für die Metamorphose vom irdischen ins geistige Leben, hilft also, sich zu besinnen in der Frage: wo stehe ich? Abheben, leicht sein, das stimmt zweifelsfrei euphorisch. Wen nimmt`s wunder, dass Fortuna, die Glücksbringerin, mit überquellendem Füllhorn in der Linken neben dem großen Glück rechterhand auch das kleine, einen Schmetterling hält. Wenn der Künstler die Segensreiche auf gewölbten Untergrund gestellt hat, so nicht nur der Komposition wegen, sondern auch "weil das Glück wankelhaft ist", wie er lächelnd anmerkt.
Es erstaunt, wie künstlerisch vielfältig dieser Mann arbeitet, wie tatkräftig, beharrlich und überlegt er ans Werk geht. Doch weder Schaffensreichtum noch Seriosität, noch handwerkliche Versiertheit, die gleichfalls ein Merkmal seiner Arbeit ist, machen allein die Qualität seines Tuns aus. Titus Reinarz hat ausserdem seine eigene Bildsprache im Dreidimensionalen entwickelt. Wie er seine Bilder aus dem Stein freisetzt, mit gebogenen Graten, schwachen Einbuchtungen, geraden Kanten und voluminösen Wölbungen, ist unverwechselbar. Ob er, was durchaus vorkommt, relativ eckig formuliert oder verstärkt organische Formen einsetzt, immer kommt ein echter Reinarz dabei heraus. Und obwohl er seine, an die reale Erscheinung angelehnten Darstellungen in die ihm eigene Form "gegossen" hat, bergen sie viel Freiheit für individuelles Einsehen und persönliche Entdeckungen. Wird die Bilder-Überflutung durch die Medien nicht zu einer Abnutzung der Wahrnehmung führen, die das Kunstwerk nicht mehr würdigen kann? "Bildhauer hat es schon vor 2000 Jahren gegeben und wird es auch noch in 2000 Jahren geben", glaubt Reinarz fest an die Durchschlagkraft seiner künstlerischen Ausdrucksmittel.

Hildegard Ginnzler M.A., Heimatjahrbuch Kreis Ahrweiler
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